Pressespiegel rund um den Schulsport 2007




Schulsport: Weichenstellung für ein gesundes Leben?
Vom Ballschüler zum Ballkünstler
Vortrag:Bewegung gut fürs Denken
Übergewicht: Kinder haben den Sport satt
Kinder, Kinder, was seid ihr bloss für Schlaffis!
Kinder scheitern oft an einfacher sportlicher Übung
Sportlehrer in der Schule vermitteln auch Werte und Normen
Über Gefahren im Schulsport und falsche Beurteilungen
Bundesrat beharrt auf Sportobligatorium



Schulsport: Weichenstellung für ein gesundes Leben?

Kinder haben heute eine schlechtere physische Kondition als in den 70er und 80er Jahren. Ein Kind von vieren hat Übergewicht und jedes Jahr kommen 400.000 hinzu. Schuld daran sei weniger die Ernährung als ein Mangel an Bewegung, so ein Bericht des Kulturausschusses über die Rolle des Schulsports, der am Montag (12. November) ins Plenum kommt. Der Trend zu immer weniger Sportunterricht müsse daher dringend umgekehrt werden, meint Berichterstatter Pál Schmitt aus Ungarn.

Schmitt, selbst zweifacher Olympia-Sieger sowie Fecht-Weltmeister von 1970 und 1971, hat in seinem „Bericht über die Rolle des Sports in der Erziehung“ das Augenmerk insbesondere auf die gesundheitspolitische Rolle des Sports gerichtet.
 
Denn gesunder Lebensstil und Sportunterricht in der Schule sind aus Sicht Schmitts eng verbunden. Problematisch sei daher, dass die „Zeit für den Sportunterricht in den Lehrplänen rückläufig ist, während die Zahl der fettsüchtigen Kinder im Schulalter zunimmt“.
 
Zunehmende Fettsucht bei Kindern durch Mangel an Bewegung
 
Laut Europäischer Kommission steigt in der EU die Anzahl übergewichtiger und fettleibiger Kinder jährlich um mehr als 400.000 und jedes vierte Kind ist von Übergewicht betroffen.
 
Schmitts Bericht stellt außerdem fest, dass die Gewichtszunahme weniger auf die Ernährung zurückzuführen sei als vielmehr auf mangelnde Bewegung.
 
Weichenstellung fürs Leben
 
Übergewicht im Kindesalter setze sich in vielen Fällen ein Leben lang fort. Eine Reihe von Krankheitsbildern erwachsener Menschen – wie Osteoporose und Herzkranzgefäß-Erkrankungen, Bluthochdruck und Diabetes – hätten ihren Ursprung oft in gesundheitlichen Rahmenbedingungen während der Kindheit.
 
Auch für die gesellschaftliche Integration, das geistige und psychische Wohlbefinden sowie das Selbstwertgefühl von Kindern und Jugendlichen könne Sport in der Schule eine positive Wirkung haben.
 
Trend muss umgekehrt werden
 
Angesichts dieser wichtigen Rolle des Sports kritisiert der Berichterstatter, dass die Anzahl der Sportstunden sinke: Seit 2002 habe sich die in den Lehrplänen für den Sportunterricht vorgesehen Zeit im EU-Durchschnitt von 121 auf 109 Minuten pro Woche an Grundschulen und von 117 auf 101 Minuten an weiterführenden Schulen verringert. Empfehlenswert sei hingegen, dass Kinder und Jugendliche sich jeden Tag rund 60 Minuten körperlich betätigen.
 
Der Bericht fordert daher, den Sportunterricht durchgängig verpflichtend zu machen und mindestens drei Schulstunden pro Wochen vorzusehen.
 
Schmitt empfiehlt außerdem, dass Kinder an Tagen ohne Schulsport außerhalb der Schule Sport treiben. Erwachsene sollten sich seiner Meinung nach mindestens dreimal pro Woche sportlich betätigen. „Ich selbst bin regelmäßig im Schwimmbad und trainiere oft im Fitness-Studio“, so der ehemalige Olympiasieger.

Quelle: 7.11.2007, Europäisches Parlament
http://www.europarl.europa.eu/news/public/tous_les_articles/default/default_de.htm


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Vom Ballschüler zum Ballkünstler

Allgemein gilt: Kinder sitzen zu viel und bewegen sich zu wenig. Wenn sie sich aber sportlich betätigen, dann werden sie meist in einer bestimmten Sportart früh spezialisiert. Das hält Prof. Dr. Rainer Wollny von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) für einen Fehler. Er setzt nun in Halle ein bewährtes wissenschaftliches Konzept um und will dazu ein Kindersportprojekt etablieren: das "Zentrum Halle" der "Heidelberger Ballschule". Der Anfang ist gemacht: In zwei Kindertagesstätten lernen die jungen Sportler das "ABC des Spielens". Aus den Ballschülern sollen in einigen Jahren Ballkünstler werden.

"Tempo, Spielwitz, Dribblings - einen wie Ribéry haben wir in der Bundesliga lange nicht mehr gesehen", schrieb die "Bild"-Zeitung über Franck Ribéry, den neuen Spielmacher des Fußball-Rekordmeisters Bayern München. Prof. Dr. Rainer Wollny kann da nur zustimmen - und einen Grund benennen: "Deutschen Fußballspielern fehlt oft die Kreativität und Originalität, weil sie sich im Kindesalter nicht entsprechend entwickeln konnten. Denn mit Kindern wird in Deutschland im Prinzip ein verkleinertes Erwachsenen-Training gemacht, und zwar nicht nur im Fußball. Die Kinder werden vornehmlich trainiert, bevor sie selbst spielen können. Verloren gegangen ist die Straßenspielkultur, die natürliche Ballschule". Der Sportwissenschaftler der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg plädiert daher für ein sportspielübergreifendes, spielerisches Lernen. "Wir sagen auch gern implizites Lernen dazu. Und wir meinen damit etwas, das Brasilianer und Nigerianer meist automatisch machen: möglichst viele verschiedene Spielsituationen durchlaufen und im eigenen Erfahrungsschatz abspeichern. Brasilianische Kinder und Jugendliche spielen immer und überall. An den 8000 km Seitenaus des Atlantiks dominieren Intiution, Kreativität, Originalität und Eigensinn ."

In Deutschland findet die sportliche Betätigung der Kinder - wenn überhaupt - vor allem in Kindergärten, Schulen und Vereinen statt. An diese Institutionen richtet sich nun ein Angebot von Professor Wollny und seinen Kollegen. "Wir wollen das wissenschaftlich anerkannte Konzept der 'Ballschule Heidelberg' auch in Halle etablieren." Bis vor einem Jahr war Wollny an der Universität Heidelberg tätig, arbeitete dort mit dem Sportprofessor Klaus Roth zusammen, dem Initiator der Ballschule. Deren Konzept: Ab dem Alter von vier Jahren erlernen Kinder das "ABC des Spielens". In der Ballschule werden sie nicht frühzeitig in einem Sportspiel spezialisiert, sondern in ihrer geistigen, emotionalen und motorischen Entwicklung ganzheitlich zum vielseitigen Ballkünstler ausgebildet. Das Angebot wird dabei stets dem Entwicklungsstand der Kinder angepasst.

"Konkret bedeutet das: Es wird gespielt, gespielt und gespielt. Unterschiedliche Spielformen mit unterschiedlichen Bällen, in allen möglichen Größen und Formen", führt Rainer Wollny aus. Gespielt wird mit Hand, Fuß und Schläger, auch ganz neue Sportarten kommen ins Spiel, beispielsweise Schuhhockey. "Die Kinder sollen vor allem Teilfunktionen lernen, so der Fachausdruck. Dazu zählen zum Beispiel das richtige Laufen zum Ball, das Abschätzen von Laufwegen, das Erkennen von Lücken." Es gehe darum, allgemein Spielwitz und Spielintelligenz zu fördern. "Kinder sind von Natur aus keine Spezialisten, sondern Allrounder. Gefragt ist zunächst einmal das Multitalent." Entsprechend des "ABC für Spielanfänger" werden auf der untersten sportspielübergreifenden Ausbildungsstufe das situationsorientierte Spielen (A), die koordinativen Ballfähigkeiten (B) und die Ballfertigkeiten (C) vermittelt. In einer zweiten sportspielgerichteten Stufe werden dann entsprechend dem speziellen Talent in einem Sportartenbereich - Rückschlag-, Torschuss- oder Wurfspiele - weitere Erfahrungen gesammelt. Erst in der dritten Stufe (4. Schulklasse) entscheiden sich die Kinder nach ihren Fähigkeiten und Vorlieben für eine spezielle Ballsportart.

Die "Heidelberger Ballschule" hat bereits Schule gemacht und ist auch mit Zentren in Berlin, München und den Regionen Rhein-Neckar sowie Rhein-Ruhr präsent. Rund 7000 Kinder werden derzeit bundesweit nach dem 1998 in Heidelberg entwickelten und evaluierten Konzept des "ABC des Spielenlernens" unterrichtet. Darüber hinaus wurde die Ballschule nach Brasilien, Chile, Japan, Nigeria, Spanien, Ungarn und Österreich exportiert.

11.9.07
Quelle: http://idw-online.de/pages/de/news224942


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Vortrag: Bewegung gut fürs Denken

In Zusammenarbeit mit den „Vorarlberger Nachrichten“, Vorarlberg Online und „Schlanker Leben“ referierte der Profefssor der Medizinischen Fakultät der Universität Basel im Bludenzer Val Blu zu m Thema „Bewegungsmangel – eine tickende Zeitbombe“.

Der deutsche Sportwissenschaftler ist Autor diverser Bücher und Leiter des Instituts in Basel – sein Hauptthema sind Kinder- und Jugendsportforschung, er gilt als Koryphäe im Bereich Bewegung, Fitness und Sport.
Gleich zu Beginn kam nicht von ungefähr die besorgniserregende Entwicklung in den USA zur Sprache, wobei der Anteil der Fettsüchtigen (Body-Mass-Index über 30) weltweit stark im Steigen begriffen ist. Von 1991 bis 2001 stiegen die Anteile der Fettsüchtigen in diversen US-Bundesstaaten von 15 auf 25 Prozent und mehr. Nicht nur, weil etwa in Texas der Sportunterreicht an den Schulen umgehend wieder eingeführt wurde, stellte der Professor klar: „Die Bedeutung von Sport und Bewegung ist wieder gestiegen.“ Pühse belegte mit neuesten Zahlen, dass das Problem inzwischen auch in Europa besorgniserregend ist – in Großbritannien könnten 2050 bereits die Hälfte aller Kinder adipös sein.
Mit kurzen Filmen wurde gezeigt, dass in einem Basler Kindergarten 50 Prozent der Kinder nicht in der Lage waren, eine einfache Rolle vorwärts zu produzieren. Pühse betonte dabei die Wichtigkeit von körperlichen Erfahrungen für Kinder, damit sie aktiv und gesund durchs Leben gehen können.

Ein weltweites Problem

Der Uni-Professor sieht aber nicht nur die körperliche Ebene – so ist etwa der Anteil von Kindern, die am Aufmerksamkeits-Defizitsyndrom (ADHS) leiden, ebenfalls weltweit im Steigen: „Die Kinder haben keine neurohormonale Balance mehr“, so der Experte, „Ursachen sind die Reiz-überflutung durch TV etc. – die Störungen der Kinder werden dadurch nicht kompensiert, sondern noch verstärkt.“
Zitate von Müttern auf einer Homepage belegen Pühses Ansicht: „Die Kinder wollen sich auspowern, ihren motorischen Bewegungsdrang ausleben. Das muss nicht nur Sport, sondern kann auch ein Spaziergang im Wald oder das Velofahren zur Schule sein.“

Kinder wollen Bewegung

Als Wirkungsfelder der Bewegung sieht der Uni-Professor nicht nur das Thema Gesundheit, sondern auch eine verbesserte Konzentrationsfähigkeit in der Schule sowie weniger Aggression und Gewalt. Neueste neuro-biologische Forschungen zeigen, welche Gehirnregion bei welcher Tätigkeit aktiviert ist – und da spielt laut Pühse die Bewegung eine bisher stark unterschätzte Rolle. „Es hat sich klar gezeigt: Lernen braucht Bewegung. Die Bedeutung der Motorik für das Verarbeiten, Speichern und Lernen ist sehr hoch.“

Amydgala: Professor Pühse kam auch auf die Amygdala, das Emotionszentrum im Gehirn, zu sprechen. Welche Information es in den Langzeitspeicher schafft, hängt auch davon ab, welchen emotionalen Wert ihr die Amygdala verpasst – was uns und sie berührt, bleibt haften: „Wenn die Amygdala beim Lernen involviert ist, macht es Spass. Und dann bleiben die informationen auch länger erhalten.“
„Trois-Riviere“: In der kanadischen „trois-riviere“-Studie waren die Schüler, die pro Tag eine Stunde mehr Bewegung auf dem Stundenplan hatten, bald auch in den akademischen Fächern besser als die Vergleichsgruppe, die statt der Sportstunde sogar mehr Zeit zum Lernen hatte.
CHILT-Studie. Väter, die regelmäßig sportlich aktiv sind, haben die schlankesten Kinder. Das geht aus der CHILT-Studie (Children‘s Health Interventional Trial) der Deutschen Sporthochschule Köln hervor, die den Zusammenhang zwischen dem Freizeitverhalten von Eltern und der körperlichen Aktivität sowie dem Körpergewicht der Kinder untersucht. Erste Ergebnisse belegen, dass die Kinder der sportlichsten Väter den niedrigsten Body-Mass-Index (BMI) aufwiesen. Aktive Eltern sind Vorbild, sie fördern Sport und gesunde Ernährung auch bei ihren Kindern.

Die Begrüßung von Sängerin Christine Nachbauer mit dem Song „Alles wird anders“ war beim „Vorarlberg-Bewegt“-Abend im Bludenzer Val Blu standesgemäß. Die Ernährungsexpertin Mag. Angelika Stöckler gab zum Auftakt ein wenig Einblick in die Ernährungspyramide sowie einen Überblick über die Nahrungsvielfalt. Von Wellness- über Energydrinks, diverse – und unnötige – Zuckerprodukte über die wichtige Milch („es ist eigentlich nur Geschmackssache, in welcher Form man sie zu sich nimmt“) bis hin zu den berühmten Fetten spannte sich der Bogen. Wobei besonders am Ende die „Fettschätzungen“ der Zuhörer beim Thema Leberkässemmel und Co. recht interessant waren. Mit der guten Nachricht, dass sich bei den Vorarlberger Schuluntersuchungen die Zahl der Übergewichtigen in den vergangenen drei Jahren nicht erhöhten, schloss Frau Stöckler ihre Ausführungen.

Die „Gehirn-Hardware“ wächst

Professor Pühse betont die Wichtigkeit von Reizen: „Bisher dachten wir, dass das Gehirn wie eine Computer-Hardware ist und sich nicht mehr entwickelt. Aber die Strukturen können sich verändern, vor allem in jungen Jahren. Das Gehirn eines Zwölfjährigen hat schon Erwachsenenwerte, und wartet auf Reize. Diese Bewegungsreize darf man nicht verpassen – neuronale Zusammenhänge werden verschaltet, nicht gebrauchte sterben ab. Use it or lose it – was nicht benutzt wird, geht verloren ...“ Der Sportunterricht fördert nicht nur die körperliche Gesundheit, sondern auch Lern- und Gedächtnisprozesse.

11.9.07
Quelle: http://www.vol.at

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Übergewicht: Kinder haben den Sport satt

Deutschlands Kinder werden immer dicker. Doch niemand steuert dagegen.

Köln. Auf dem Bolzplatz Fußball spielen, mit dem Fahrrad durchs Viertel kurven oder mit Freunden herumtoben – diese Art von Freizeitgestaltung steht bei Kindern nur noch selten im Terminkalender. Nach der Schule gilt Computer, Playstation & Co. die ungeteilte Aufmerksamkeit.

„Die körperliche Aktivität von Kindern geht konsequent zurück“, schlägt der Trainingswissenschaftler Joachim Mester Alarm. Der Professor am Lehrstuhl für Sportinformatik an der Kölner Sporthochschule erlebt tagtäglich, dass dem Nachwuchs Kernfähigkeiten wie laufen, springen und werfen immer schwerer fallen. „Ein Trend, der seit 25 Jahren zu beobachten ist“, so Mester.

Zum Bewegungsmangel gesellt sich eine ungesunde Ernährung. Die Folge: Von den Drei- bis Sechsjährigen in Deutschland leiden bereits zwölf Prozent an Übergewicht oder Fettleibigkeit. Bei den Sieben- bis Zehnjährigen sind es 21 Prozent, bei den 14- bis 17-Jährigen ist mehr als jeder Vierte betroffen.

Die Folgen für die Volkswirtschaft und das Gesundheitssystem sind erheblich. Die Gesellschaft steuert nach Ansicht des Experten sehenden Auges in die Katastrophe. „Ob im Elternhaus, im Kindergarten oder in der Schule – sportliche Betätigung spielt nur eine untergeordnete Rolle.“ Eine Begründung dafür liefert Mester mit: „Erwachsene haben Angst, dass man Kinder gleich überlastet, wenn sie Sport treiben.“ Dabei hatte schon die Schulsport-Studie „Sprint“ im Jahr 2004 ergeben, dass die meisten Schüler sich mehr Anstrengung und Leistung wünschen. Beides aber wird in der Sportdidaktik seit mehr als einem Jahrzehnt weitgehend tabuisiert.

Wissenschaftler: „Dicke Erwachsene bekommen dicke Kinder.“

Nach Ansicht des Wissenschaftlers beginnt der Teufelskreis im Elternhaus. „Dicke Erwachsene bekommen dicke Kinder. Daraus werden dicke Erwachsene.“ Um den Kreislauf zu durchbrechen, müssten Eltern „direkt nach der Geburt“ damit beginnen, den natürlichen Bewegungsdrang des Kindes zuzulassen – damit es koordinative und sportmotorische Fertigkeiten erlernen kann.

Ebenso wichtig sei es, Erzieher und Lehrer richtig auszubilden. Es gehe nicht an, dass Sportunterricht vielfach von fachfremden Lehrkräften erteilt werde. Oder der Sportunterricht das erste Fach sei, das ausfalle, wenn an anderer Stelle Not am Mann sei. „Wir werden das Problem noch verschärfen, wenn dem Sport weiter kein Wert beigemessen wird“, warnt Mester. Vorbild seien – wie überhaupt im Bildungsbereich – die skandinavischen Länder. „Sie stellen das Individuum in den Mittelpunkt und fördern es entsprechend.“

In deutschen Schulen wird dicken Kindern der Spaß am Sport genommen, weil sie nicht mithalten können und die Noten entsprechend schlecht ausfallen. Ein Problem, das sich laut Mester schnell lösen lässt. „So wie bei einem sportlichen Jungen seine Leistung benotet wird, müsste bei einem übergewichtigen Kind honoriert werden, dass es in einer bestimmten Zeit eine bestimmte Zahl von Kilos abnimmt.“

11.04.2007
Von Anja Clemens-Smicek
Quelle: http://www.wz-newsline.de

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Kinder, Kinder, was seid ihr bloss für Schlaffis!

Laufen, springen, schwimmen: Immer mehr Kinder können immer weniger. Schuld an dieser FitnessKatastrophe sind nicht nur sie, sondern auch ihre Eltern. Wie man die Couch-Generation wieder zum Laufen bringt.

Von Lajos Schöne

Große Sprünge sind nicht mehr drin: Immer weniger Vier- und Fünfjährige können bei den Vorsorgeuntersuchungen U8 und U9 auf einem Bein hüpfen oder rückwärts gehen. Nur einer von drei Grundschülern hat eine korrekte Körperhaltung, und schon Zwölfjährige klagen über Rückenschmerzen. Bei der Rumpfbeuge erreichen 43 Prozent der Kinder nicht das Fußsohlenniveau. Beim Weitsprung aus dem Stand schaffen Kinder und Jugendliche zwischen vier und 17 Jahren heute 14 Prozent weniger als 30 Jahre zuvor. Die motorische Leistungsfähigkeit von Kindern hat sich insgesamt um zehn Prozent verringert. Wer ist schuld an dieser FitnessKatastrophe?

Kinder würden sich mehr bewegen, wenn man sie ließe

Es sind nicht die Kinder allein. Sie würden sich mehr bewegen, wenn die Erwachsenen sie ließen und mit gutem Beispiel vorangingen. Doch was tun Mütter und Väter? Hier ein paar Beispiele:

• Sie sichern ihre Babys sorgsam im Tragekorb oder im Schalensitz, tragen sie so herum oder verwahren sie darin im Auto, Einkaufswagen oder auf dem Küchentisch. Das ist zwar praktisch und sicher - aber Gift für Haltung und Entwicklung. Das Kind ist viel zu lange festgegurtet und verliert jedes Gefühl für Schwerkraft und Gleichgewicht.

• Babyhopser und die gefährlichen Lauflerngeräte - anderswo längst verboten! - stehen bei uns immer noch hoch im Kurs und lassen dem Baby keine Möglichkeit, seine Motorik selbst zu entfalten.

• Sportliche Mütter oder Väter joggen gern mit einem geländegängigen Kinderwagen - selber laufen würde dem Kind aber wesentlich besser gefallen.

• Aus der - durchaus berechtigten - Angst vor dem Verkehr bringen viele Eltern ihr Kind zum Kindergarten oder zur Schule - im Auto selbstverständlich.

• Selbst das erste Dreirad hat oft einen Schiebegriff und macht das Kind passiv und träge. Der Sportunterricht fristet in vielen Lehrplänen nur noch ein Alibidasein. Jede vierte Sportstunde fällt aus. Eine Befriedigung des kindlichen Bewegungsdranges ist allerdings auch in der restlichen Zeit nicht zu erwarten: "Nur zehn Prozent einer Schulsportstunde sind Schüler in Bewegung, und nur vier Prozent der von uns befragten Mädchen gaben an, im Sportunterricht ins Schwitzen zu geraten", beklagt der Bayreuther Sportwissenschaftler Professor Walter Brehm.

Fast jedes fünfte Kind kann nicht einmal 25 Meter schwimmen, ergab eine Untersuchung der Universität Bielefeld bei Elfjährigen in Nordrhein-Westfalen. Laut Professor Dietrich Kurz gehören ausgerechnet die Kinder, die angaben, das Schwimmen ausschließlich in der Schule gelernt zu haben, zu denjenigen, die gar nicht oder nur wenig schwimmen können.

Mitschuld am Schulsportdebakel tragen auch die Lehrkräfte. Ein Drittel der Lehrer, die an den Hauptschulen Sport unterrichten, haben keine Sportausbildung, an den Grundschulen ist es sogar jeder zweite.

Mit einem Durchschnittsalter von 44 Jahren sind außerdem viele Sportlehrer schlicht zu alt, um modernere Sportarten wie zum Beispiel Inline-Skating mit Begeisterung zu vermitteln.

Mehr Zeit vor dem Fernseher als in der Schule

Mit den Kinderspielplätzen steht es auch nicht viel besser. In einem Schwerpunktbericht des Bundes über die "Gesundheit von Kindern und Jugendlichen" heißt es: "Freie Spielräume zum selbstständigen Erkunden und altersgruppengerechte Spielplätze sind trotz entsprechender Vorschriften in den städtischen Bauordnungen kaum vorhanden - und wenn, sind sie oftmals stark verschmutzt." Hinzu kommt: Viele Kinder verbringen heute mehr Zeit vor einem Fernseher als in der Schule. Fast jeder Vierte der Fünf- bis Sechsjährigen hat ein eigenes Fernsehgerät in seinem Zimmer.

Die Folgen sind schwerwiegend, warnt der Münchner Kinder- und Jugendarzt Professor Berthold Koletzko, Vorsitzender der "Stiftung Kindergesundheit": "Da ist zunächst einmal das Übergewicht. Anlässlich der Schuleingangsuntersuchungen von 4563 Kindern in Bayern haben wir festgestellt: Je größer der Medienkonsum war, desto höher ist der Anteil der leicht und schwer übergewichtigen Kinder."

Im Vergleich zu Kindern, die nie bis selten elektronische Medien konsumieren, haben Kinder mit starkem Medienkonsum (täglich bis zu zwei Stunden) ein 1,4-faches und Kinder mit exzessivem Medienkonsum (täglich mehr als zwei Stunden) ein 1,7-fach erhöhtes Risiko für Übergewicht. Das ist schon deshalb nicht verwunderlich, weil das Fernsehen ein alarmierend schlechtes Bild der Ernährung vermittelt: In der Werbung werden bei mehr als einem Drittel der Spots Süßes und Snacks gezeigt.

Kinder, die zu viel fernsehen, leisten weniger

Ein wesentlicher Risikofaktor ist aber auch die sitzende Lebensweise mit geringer körperlicher Aktivität und entsprechend niedrigem Energieverbrauch, schwachen Muskeln und geringer Fettverbrennung. Doch wenn Kinder sich in der Wohnung stundenlang mit dem Gameboy beschäftigen, vor der Glotze hocken oder am Computer kleben, droht ihnen nicht nur körperliches Unheil wie Übergewicht, Haltungsfehler oder Kreislaufschwäche. Professor Koletzko: "Durch das übermäßige Fernsehen wird die Zeit knapp für die anderen Bereiche des kindlichen Lebens. Vielseher bewegen sich zu wenig und sind seltener zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs. Sie führen seltener Gespräche mit anderen Kindern oder den Eltern und spielen seltener ein Musikinstrument als Wenigseher.

Zu viel Fernsehen wirkt sich in der Schule ungünstig aus auf die Konzentration, die Aufmerksamkeit und das Leistungsniveau der Kinder und führt auch nachweislich zu vermehrter Gewaltbereitschaft."

Der Kinderarzt empfiehlt: "Eltern sollten den Fernsehkonsum ihrer Kinder rigoros kontrollieren. Eine Stunde Fernsehen pro Tag ist für zehn- bis elfjährige Schüler bereits genug. Außerdem sollten Eltern dringend darauf achten, dass für ausreichende Bewegung der Kinder gesorgt ist, zum Beispiel in einem Sportverein. Positive Bewegungserfahrungen erweitern die persönliche Kompetenz und erhöhen das Selbstwertgefühl."

Die Eltern sollten "bewegte Vorbilder" sein

Und sie machen Kinder auch klüger! Entwicklungspsychologen wissen: Lernen durch Bewegung ist in der frühen Kindheit der wichtigste Motor der kognitiven Entwicklung. Kinder, die in der frühen Kindheit genügend Zeit und Gelegenheit zu körperlicher Aktivität haben, sind sogar in ihrer Sprachentwicklung weiter als Kinder, die zu viel zur Passivität verdammt werden.
Die Fachleute sind sich einig: Die Couch-Generation muss wieder zum Laufen gebracht werden.
Die Eltern sollten dabei "bewegte Vorbilder" sein - und das gilt besonders für die Väter! Sie müssen ihren Kindern Aktivität vorleben und ihnen zeigen, dass es gut tut, sich so richtig anzustrengen.

erschienen am 31. März 2007

Quelle: www.abendblatt.de



Kinder scheitern oft an einfacher sportlicher Übung

KARLSRUHE (dpa). Kinder und Jugendliche haben Karlsruher Forschern zufolge bereits bei einfachsten sportlichen Übungen erhebliche Probleme. Mehr als die Hälfte der Jungen und ein Drittel der Mädchen schaffen es nicht, beim Vorbeugen mit den Händen den Boden zu erreichen.

Zwölfjährige Mädchen hätten heute die Werte, die damals 17-Jährige erzielten, sagte Klaus Bös vom Institut für Sport und Sportwissenschaften der Karlsruher Universität. In den vergangenen 30 Jahren habe sich die Beweglichkeit deutlich verschlechtert. Für das vor vier Jahren begonnene Projekt "Motorik-Modul" (MoMo) hatten die Wissenschaftler von 2003 bis 2006 bundesweit mehr als 4500 Kinder und Jugendliche getestet.
Mehr als einem Drittel der 4- bis 17-Jährigen gelang es den Ergebnissen der Auswertung zufolge nicht, zwei oder mehr Schritte auf einem Balken rückwärts zu balancieren. 86 Prozent schafften es nicht, eine Minute auf einem Bein zu stehen. Im Standweitsprung habe sich die Weite gegenüber dem Wert von 1976 um etwa 14 Prozent verschlechtert, sagte Bös.
Das "Motorik-Modul" ist ein Teilprojekt des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys, bei dem das Berliner Robert-Koch-Institut bundesweit den Gesundheitszustand von etwa 18 000 Kindern und Jugendlichen untersucht. Für das "MoMo" hatten die Forscher einen etwa 40-minütigen Test mit elf Übungen entwickelt.

Weitere Informationen über das Karlsruher Projekt gibt es im Internet unter www.motorik-modul.de

7.3.07 Quelle: http://www.aerztezeitung.de

Sportlehrer in der Schule vermitteln auch Werte und Normen

In der Schule sollen Kinder und Jugendliche an den Sport herangeführt werden. Daneben hat der Schulsport einen Erziehungsauftrag: die Charakter- und Persönlichkeitsbildung durch den Sport. Merken die Schüler das überhaupt? In einem Perspektivenwechsel gegenüber der theoretischen Forschung befragt der Sportwissenschaftler Dr. Andreas Hoffmann die Betroffenen selbst, wie stark die Erziehung von ihnen wahrgenommen wird.

Tübinger Wissenschaftler befragt Schüler zur Wirkung von Erziehung

Im Schulsport sollen Kinder und Jugendliche verschiedene Sportarten mit ihren Bewegungsabläufen und Spielregeln kennen lernen sowie ihre sportlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten verbessern. Es würde leicht vergessen, sagt Dr. Andreas Hoffmann vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Tübingen, dass die Schule aber auch im Fach Sport einen Doppelauftrag erfüllen sollte: neben der Qualifikation soll die Erziehung der Schüler, die Charakter- und Persönlichkeitsentwicklung, eine ebenso große Rolle spielen. Fairness und Kooperation zum Beispiel sind im Fach Sport anschaulich zu vermitteln. Der Aspekt Erziehung im Schulsport ist ein Forschungsschwerpunkt von Andreas Hoffmann. Und da seiner Ansicht nach in didaktischen Arbeiten viel zu häufig von theoretischen Modellen ausgegangen wird, geht er in seinen Untersuchungen praktisch vor: Mit einem Wechsel der üblichen Forschungsperspektive befragt er in erster Linie die Schüler, wie stark sie die Erziehungsaspekte im Sportunterricht überhaupt wahrnehmen. Andreas Hoffmann kommt insgesamt zu dem Ergebnis, dass der Schulsport beziehungsweise die Sportlehrer eine viel größere Wirkung auf die Schüler haben, als ihnen bewusst ist.

Weil sich heute viele Kinder und Jugendliche nicht ausreichend bewegen, wird dem Schulsport etwa in den Medien eine erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt. Doch der Sport- und Erziehungswissenschaftler Andreas Hoffmann stellt klar: "Im Schulsport lassen sich keine körperlichen Effekte erzielen. Das ist eine Standarderkenntnis in der Sportmedizin." Durch die Wege zur Turnhalle, die Auf- und Abbauzeiten sowie längere Erklärungen oder Wartezeiten bewege sich ein Schüler nur in einem Bruchteil der Zeit des Sportunterrichts. Bei der Erziehung zum Sport im Schulunterricht gehe es vielmehr darum, Wissen über Sport zu vermitteln, damit die Schüler in der Gesellschaft mitreden können. Sie sollten zum außerschulischen Sporttreiben angeregt werden und andererseits durch den Sport erzogen werden, zum Beispiel zur Kooperation, zur Leistungsbereitschaft oder zur Abkehr von Gewalt und Drogen.

Um zu erfassen, ob der Schulsport in dieser Weise auch wirkt, sind unterschiedliche Methoden denkbar. "Wenn man zum Beispiel 20 Klassen beim Unterricht beobachten will, ist das allerdings sehr aufwendig", erklärt Hoffmann. "Fragt man die Lehrer, was sie ihren Schülern im Unterricht vermitteln, ist es naheliegend, dass sie die gewünschten Verhaltensweisen nennen." Er hat sich daher zusammen mit seiner Arbeitsgruppe entschieden, die Betroffenen selbst zu befragen - die Schüler. In einer Voruntersuchung haben die Sportwissenschaftler sich überlegt, in welchen Situationen Lehrer pädagogisch handeln, etwa wenn Schüler Aggressivität zeigen oder im Spiel foulen. "Die Schüler sollen dann zum Beispiel in dem von uns entwickelten Fragebogen die Frage beantworten: Wie reagiert der Lehrer, wenn wir uns unfair verhalten?", sagt Hoffmann. Die Schüler würden ihre Antworten weniger verfälschen als die Lehrer. "Die Sympathie zum Lehrer spielt wohl eine Rolle, doch sie ergibt sich hauptsächlich aus seinem Verhalten", sagt der Wissenschaftler. Durch eine statistische Auswertung will er vermeiden, dass Einzelmeinungen unter den Schülern zu großes Gewicht verliehen wird.

In ihrer Hauptstudie setzen die Tübinger Sportwissenschaftler zwei Fragebögen ein. Im ersten Fragebogen wurde die Wahrnehmung fachdidaktischer Aspekte erhoben. "Da geht es zum Beispiel darum, wie Kraft und Beweglichkeit im Schulsport geschult werden, die Anregung zu außerschulischem Sport oder ob und wie der Einzelne Förderung durch den Sportlehrer wahrnimmt", erklärt Hoffmann. Diese Aspekte haben die Forscher bei rund 1100 zehn bis 19 Jahre alten Jugendlichen aus verschiedenen Kontexten erfragt. "Hätten wir eine einzelne Schule mit rund 20 Lehrern dafür ausgesucht, wäre die Aussagekraft gering gewesen. So haben wir Jugendliche von gut 200 Schulen mit entsprechend vielen Lehrern in die Studie einbezogen", beschreibt der Forscher die Vorgehensweise. Der zweite Fragebogen zu erzieherisch relevanten Normen, die von Sportlehrern vermittelt werden, wurde über die Schulen an die Schüler verteilt: An drei Hauptschulen, drei Gymnasien, drei Realschulen sowie drei Sportförderschulen erhielten ihn insgesamt 4700 Schüler der 5. bis 13. Klassen. Diese Studie läuft noch, doch erste Ergebnisse werden deutlich: "Die fachdidaktischen Modelle werden von den Schülern nicht so stark wahrgenommen, dagegen das erzieherische Eingreifen der Lehrer aber durchaus. Die vom Lehrer vermittelten Normen werden im Schulsport recht stark wahrgenommen", sagt Hoffmann. Er setzt jedoch hinzu: "Die Schüler nehmen die Erwartung wahr, wie sie sich verhalten sollen. Ob sie sich daran halten, muss noch in weiteren Auswertungen überprüft werden."

Bei der Auswertung der Frage, wer im Leben der Schüler ihre Sportsozialisation nach eigener Einschätzung am meisten beziehungsweise wenig beeinflusst, schnitten die Schulsportlehrer schlecht ab. Deutlich größeren Einfluss haben danach Freunde, welche die Schüler aus dem Vereinssport kennen, die Trainer oder Übungsleiter und die Eltern. "Dennoch erweist sich der Einfluss des Schulsportlehrers in einer Folgestudie mit knapp 1800 Schülern als vergleichsweise hoch", sagt Hoffmann. Denn die Normen würden im Sport - auch im Fächervergleich mit Mathematik und Deutsch - recht gut wahrgenommen. "Durch den Schulsport lässt sich viel erreichen", fasst Hoffmann zusammen. Bei parallel laufenden Untersuchungen im Vereinsbereich hat der Forscher festgestellt, dass ein enger Zusammenhang besteht zwischen der Normenvermittlung der Übungsleiter und der Verhaltensabsicht der Jugendlichen. "Der Zusammenhang lag bei 30 Prozent. Das ist sehr hoch, da das Verhalten von sehr vielen Aspekten beeinflusst wird", sagt Hoffmann. Übungsleiter seien vor allem bei den Kindern und jüngeren Jugendlichen große Vorbilder - auch über den Sport hinaus. Der Sportwissenschaftler hält jedoch wenig davon, den Sportunterricht an der Schule in die Hände von Übungsleitern oder Trainern zu geben. "Im Verein treiben die Jugendlichen in relativ kleinen Gruppen freiwillig eine Sportart, die sie gewählt haben. In der Schule sind dagegen in großen Gruppen auch diejenigen dabei, die kein Talent oder keine Lust haben. Es entspräche nicht dem Erziehungsauftrag der Schulen, diese Schüler mit pädagogisch wenig qualifizierten Übungsleitern zu konfrontieren."

Schulsportlehrer, sagt Hoffmann, können neben sportlichen Übungen eine ganze Bandbreite an weiteren Themen vermitteln. "Die Konsequenzen aus diesem Ergebnis haben auch eine politische Dimension", findet er. "Es lässt sich zeigen, dass der Sportunterricht auch sonst für die Erziehung und Wertevermittlung eine Rolle spielt." Wie viel Einfluss der Sportunterricht bei der Normenvermittlung habe, hänge auch an der Zahl der Unterrichtsstunden: In drei Stunden Unterricht pro Woche werden die zu vermittelnden Normen deutlicher wahrgenommen als in zwei Stunden. Die Bildungspolitik lässt sich jedoch nach Hoffmanns Einschätzung kaum von der erziehungswissenschaftlichen Forschung beeinflussen. "Studien werden eher nur dann auf der Ebene der Bildungspolitik angenommen, wenn sie die bisherige Richtung bestätigen", sagt er. Seine Ergebnisse könne er aber auf Kongressen an Sportlehrer weitergeben und sie als Dozent im Sportlehramtsstudium seinen Studenten vermitteln.

5.2.07, Quelle:http://www.idw.de

Über Gefahren im Schulsport und falsche Beurteilungen

Ein Ziel des Sportunterrichtes ist es, die Kinder zu lebenslangem Sporttreiben zu motivieren. Negativerfahrungen wie beispielsweise im Unterricht erlebte Sportunfälle stellen das Erreichen dieses Ziels in Frage.

Von Dr. med. Jens Klem

Fünf Prozent aller Schüler erleiden jährlich eine Verletzung im Sportunterricht. Eine Analyse von 213 Schulsportunfällen mit 234 Verletzungen zeigte eine Geschlechtsverteilung von 45 Prozent der Mädchen zu 55 Prozent der Jungen und eine Unfallhäufigkeit zwischen 11 und 15 Jahren (Maximum 13 Jahre). 75 Prozent aller Unfälle ereigneten sich in der ersten Sekundarstufe. Bei den Großen Spielen ereigneten sich 63 Prozent aller Unfälle, wobei im Fußball mit 21 Prozent dicht gefolgt von Basketball mit 20 Prozent die meisten Unfälle zu beobachten waren. Im Gerätturnen - mit 16,5 Prozent an dritter Stelle - zählten die Sprunggeräte (Bock, Kasten, Minitrampolin und Pferd) zu den unfallintensivsten Disziplinen. Auffallend häufig (36 Prozent) war bei einer Verletzung beim Fußball ein im Fußballverein spielender Schüler betroffen.  

Jungen verletzen sich häufiger durch äußere Gewalteinwirkung
36 Prozent der Unfälle bei den Mädchen wurden durch die Ausübung der motorischen Grundfertigkeiten Laufen, Springen und Fangen verursacht, weitere 33 Prozent ereigneten sich bei bestimmten Ball- und sportartspezifischen Techniken. Auch bei den Schülern sind die motorischen Grundfertigkeiten mit 29 Prozent unfallführend, ebenfalls mit 20 Prozent verletzungsintensiv sind Ball- und sportartspezifische Techniken. Signifikant geschlechtsspezifisch unterschiedlich sind die Unfälle durch äußere Gewalteinwirkungen wie Foulspiel und „angeschossen, angeworfen werden“, wo sich die Jungen mit 19 Prozent der Fälle doppelt so häufig verletzten wie die Mädchen. Gleiches gilt für einfache motorische Fehlleistungen wie zum Beispiel Rutschen, Stolpern oder Stürzen. Auch hier sind die Jungen mit 17 Prozent mehr als doppelt so häufig betroffen. Der Schwerpunkt der Verletzungslokalisation lag geschlechtsunabhängig mit 55 Prozent auf der oberen Extremität, dabei waren Hand und Finger mit 41 Prozent am häufigsten betroffen. An der unteren Extremität (37 Prozent der Fälle) war vor allem das Sprunggelenk mit 20 Prozent durch Verletzungen beim Laufen und Springen am stärksten exponiert. Kopfverletzungen mit vier Prozent und Verletzungen des Rumpfes waren von untergeordneter Bedeutung.  

Mädchen haben meist Zerrungen und Verstauchungen, Jungen Quetschungen und Prellungen
Ein wiederum signifikanter geschlechtsspezifischer Unterschied zeigte sich bezüglich der Verletzungsarten. Während bei den Mädchen Zerrungen und Verstauchungen (37 Prozent) dominierten, waren bei den Jungen Quetschungen und Prellungen (28 Prozent) vorherrschend. Knochenbrüche (10 Prozent) an dritter Stelle der Verletzungsursachen traten in etwa gleich häufig auf. Knöcherne Kapselausrisse meist an den Finger- gelenken waren bei den Schülerinnen mit 14 Prozent doppelt so häufig wie bei den Schülern. Die überwiegende Zahl der Bänderrisse wurde am Sprunggelenk diagnostiziert. Hier sind die Jungen mit zehn Prozent wesentlich häufiger betroffen.  

Vier Prozent der Schüler und Schülerinnen wurden anschließend mit einer durchschnittlichen Dauer von zwölf Tagen stationär behandelt. Die Dauer der Sportunfähigkeit lag bei den Jungen im Mittel bei zwanzig Tagen, bei den Mädchen bei 16 Tagen. Auch hier zeigte sich ein geschlechtsspezifischer Unterschied.  

Unfälle bei Ballsportarten am häufigsten
Eine geschlechtsspezifische Veranlagung zu Schulsportunfällen besteht nicht. Die Unfallhäufigkeit liegt in der Pubertät. Hier führen hormonelle Änderungen zu psychischen Instabilitäten und ausgeprägten konstitutionellen Proportions-verschiebungen, woraus Störungen von motorischen Handlungsabläufen, Selbstüberschätzung und Konzentrationsmängel resultieren. Der Anteil der Ballsportunfälle am Unfallgeschehen ist beträchtlich, was einerseits darauf zurück zu führen ist, dass von den Individualsportarten große Unterrichtsanteile auf die Mannschaftsspiele verlagert wurden und zudem die Komplexität der Spielabläufe an sich ein erhöhtes Unfall- und Verletzungsrisiko darstellen. Andererseits wurde bis dato das Unfallgeschehen in den klassischen Individualsportarten des Schulsportes (Gerätturnen und Leichtathletik) überschätzt, die Ballsportarten dagegen unterschätzt. Dies sollte ein Umdenken in der sportartspezifischen Thematisierung von Sicherheitsaspekten mit Auswirkungen auf Schulsportrichtlinien und Sportlehreraus- und -fortbildung nach sich ziehen, da in der bisherigen Sportlehrerausbildung Sicherheitsaspekte überwiegend im Zusammenhang mit Individualsportarten behandelt wurden. Der hohe Anteil der „Spezialisten“ am Unfallgeschehen im Fußball zeigt, dass nicht alle verunfallten Schüler als sportschwach einzustufen sind. Unangemessene Reaktionsweisen der Mitschüler (Nichtspezialisten) scheinen neben falscher Selbsteinschätzung und größerer Risikofreudigkeit die erhöhte Unfallrate zu erklären.  

Unfälle meist bei der Ausübung von motorischen Grundfertigkeiten
Bezüglich der Unfallereignisse und -ursachen zeigte sich, dass sich die Schüler und Schülerinnen insbesondere bei der Ausübung von motorischen Grundfertigkeiten, Ball- und anderen sportartspezifischen Techniken, also gerade den motorischen Handlungen verletzen, die zum einen gelernt und zum anderen beherrscht werden sollten. Bei den Schülerinnen waren neben der Ballannahme (Fangen), spezielle Übungsteile im Gerätturnen wie Stütz- und Rollbewegungen, vor allem aber Balltechniken (Pritschen, Prellen und Schießen) die vorrangig unfallbelasteten Situationen. Dies erklärt sich mit sozialisationsbedingten Defiziten der Mädchen im Umgang mit Bällen und könnte schon im Grundschulbereich durch intensive Schulung koordinativer Fähigkeiten ausgeglichen werden. Bei den Schülern zeigte sich, dass motorische Fehlhandlungen und äußere Gewalteinwirkungen wie mangelnde Übersicht in konkreten sportlichen Handlungsaufgaben Konzentrationsschwächen und dadurch auch unkontrolliertes und mit negativer Motivation belastetes Spiel einschließlich Foulspiel Unfallsituationen provozierten. 

Regelanpassungen an den Schulsport können prophylaktisch wirken
Da die Mehrzahl der Unfälle sich in komplexen Spielsituationen ereigneten, muss sichergestellt sein, dass die Schüler in der Lage sind, zumindest die Grobform einer sportlichen Handlung durchzuführen, bevor die Anwendung unter variablen Bedingungen wie beispielsweise einem Wettkampfspiel erfolgt. Zudem sollten schulsportadäquate Regelanpassungen sowie methodisch-organisatorische Maßnahmen zur besseren Überschaubarkeit von Spielsituationen und soziales Handeln stärker in der Unterrichtsplanung Berücksichtigung finden. Die überwiegende Zahl der Schulsportunfälle führt zu Bagatellverletzungen. Insbesondere bei den Mädchen sind motorische Grundfertigkeiten und sportartspezifische Techniken intensiver auszubilden, während bei den Jungen soziales Handeln und eine bessere Spielübersicht entwickelt werden sollte. Sportartspezifische Wettkampfformen dürfen erst nach Erreichen eines gruppenhomogenen Fertigkeitsniveaus im Unterricht Anwendung finden, wobei schul-sportartadäquate Regelanpassungen, insbesondere in den Mannschaftssportarten, von unfallprophylaktischer Bedeutung sein könnten.

Über den Autor:
Dr. med. Jens Klem ist Diplom-Sportlehrer und Diplom-Fechtmeister sowie Facharzt für Orthopädie und Facharzt für Chirurgie mit den Zusatzbezeichnungen Sportmedizin, Chirotherapie und Physikalische Therapie. Er arbeitet seit 1998 an der Orthopädischen Universitätsklinik Homburg/Saar. Seit 2003 ist er als Oberarzt für die Funktionen Septische Orthopädische Chirurgie, Physikalische Therapie und Sportmedizin zuständig.

22.1.07, Quelle: Deutscher olympischer Sportbund

http://www.dosb.de

Bundesrat beharrt auf Sportobligatorium

Der Schulsport sei auch für die Integration wichtig, sagt der Bundesrat. Die Sportpflicht soll in Berufsschulen eingehalten werden.

ap, Der Bundesrat will sich für die obligatorische Durchführung von Schulsport in den Berufsschulen einsetzen. Er hat eine Motion der Aargauer SP-Nationalrätin Pascale Bruderer zur Annahme empfohlen. Bruderer beauftragt den Bundesrat, die Einhaltung des Obligatoriums sowie die Vorgaben des Rahmenlehrplans Sport in den Kantonen zu überprüfen und bei Nichtumsetzung Sanktionen vorzusehen.

Wichtig für die Entwicklung
Der Sportunterricht sei nicht nur ein wichtiges und breitenwirksames Instrument zur Gesundheitsförderung, sondern er leiste auch einen wichtigen Beitrag an die Persönlichkeitsentwicklung und die soziale Integration, schreibt der Bundesrat in seiner gestern veröffentlichten Stellungnahme. Die Ergebnisse eines Projekts der Vereinigung für Sport an den Berufsschulen, an dem das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie sowie das Bundesamt für Sport beteiligt sind, würden Wege aufzeigen, wie das Sportobligatorium ein- gehalten werden könne. Die aufzuzeigenden Lösungswege lieferten zudem weitere Argumente zur Durchsetzung des Obligatoriums. Der Bundesrat beziehungsweise das Volkswirtschaftsdepartement werde nun prüfen, ob sich im Zusammenhang mit den Ergebnissen aus dem Projekt ein Anpassungsbedarf der Verordnungen Turnen
und Sport an den Berufsfachschulen ergibt.

29.11.06, Quelle: Neue Luzerner Zeitung

detaillierter "Motionstext mit Stellungnahme des Bundesrats vom 22.11.06:
http://search.parlament.ch/cv-geschaefte?gesch_id=20063443

http://www.berufsschulsport.ch/